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Ich tausche Können gegen Wollen

Ich habe am 28. März 2016 morgens um 6:30 Uhr mein Manuskript abgegeben. Nun beginnt das Lektorat und im Herbst erscheint dann mein drittes Buch, das erste im ECON Verlag. Über das Buch will ich aber gar nicht schreiben, sondern über die Quälerei vor diesem besonderen Moment am 28. März um 6:30 Uhr.

Es gibt Schreibtalente, die Spaß am Schreiben haben, und es gibt mich. Ich werde beim Buchschreiben von der Aufschieberitis befallen. Ich schiebe und schiebe … „Ach, ich kann auch Morgen anfangen.“ … „Nächste Woche ist doch noch besser, denn da habe ich viel Zeit.“ … „Am besten ist es doch, wenn ich nicht halbherzig beginne, sondern erst im nächsten Monat, da habe ich wirklich Zeit.“

Und? Wie läuft es?

Meine Freunde haben sich zum Schluss kaum noch getraut mich zu fragen wie weit ich mit meinem Buch bin. Denn je näher der Abgabetermin rückte, desto gereizter reagierte ich auf diese Frage. Ich schaufelte mir Tage frei oder sogar Wochen, nur um in Ruhe schreiben zu können. Und schrieb: nichts. Stattdessen habe ich meinen Flur gelb gestrichen, mein Wohnzimmer mit einer orangen Gardine verschönert, Socken gestrickt, war stundenlang mit meinem Hund Bruno draußen, habe wie verrückt neue vegane Rohkostgericht ausprobiert und damit meinen Freundeskreis versorgt. Das Schreiben schob ich einfach vom Morgen auf den Mittag, auf den Abend, auf den nächsten Tag, auf die nächste Woche und den nächsten Monat. Meine Ausrede war stets: „Ich kann nicht. Ich habe das Buch schon fertig im Kopf, aber ich kann gerade nicht schreiben.“

Doch wenn ich das „kann“ gegen ein „will“ tausche, dann bedeutet es wohl, dass ich nicht schreiben wollte. Und so ergibt sich auf einmal ein völlig anderes Bild. Warum wollte ich denn nicht? Ich finde das Thema doch toll und freue mich so sehr, dass ich erstmalig beim ECON Verlag veröffentlicht werde. Warum also wollte ich nicht schreiben? Und genau jetzt fängt es an spannend zu werden. Bei mir liegt es nämlich unter anderem an meinen Selbstzweifeln. Ich bin mir unsicher, wie mein Buchthema ankommen wird. Ich bin mir unsicher, ob ich gut genug schreibe. Wenn mein Kopf mich nun davon abhält zu schreiben, bewahrt er mich vor der befürchteten Blamage. Das scheint zunächst sehr schlau, ist aber auf Dauer natürlich keine gute Lösung. Viel besser ist es für mich, mir darüber bewusst zu werden, warum ich nicht schreiben will. Nur dann kann ich mich mit meinen Ängsten und Zweifeln aktiv auseinander setzen und daran wachsen. Wenn ich hingegen weiterhin Gründe dafür finde, warum ich etwas nicht kann, werde ich genau dort verharren, wo ich gerade stehe.

Was für eine praktische Ausrede

Das war früher ähnlich, wenn ich aufgrund meines Single-Daseins zu Fressattacken neigte. Die unweigerliche Gewichtszunahme verschaffte mir eine wunderbare Ausrede für das Fristen meines Solo-Lebens: Den vermeintlichen Mangel an Attraktivität. Wäre ich schlank geblieben, hätte es diese Ausrede nie gegeben. Stattdessen wäre da vielleicht die Furcht aufgetaucht, als Person nicht liebenswert genug zu sein – was deutlich mehr schmerzt. Zum Selbstschutz war es für mich also besser, mein Single-Dasein auf ein paar Extrapfunde zu schieben. Und mit anderen augenverdrehend darüber zu lästern, wie oberflächlich die Männerwelt ist. Mittlerweile brauche ich mir aber nicht mehr mit „Ich kann nicht abnehmen“ kommen. Ich sage mir stattdessen: „Ich will nicht abnehmen“. Ich WILL gerade dieses Schutzschild haben. Ich WILL gerade ungesund leben. Ich WILL.

Sagen Sie zu Ihrem Chef also nicht „Ich kann das nicht“, wenn er Sie bittet, eine Kundenpräsentation zu halten. Sprechen Sie lieber klar aus, dass Sie es nicht wollen. Denn vielleicht möchte auch Ihr Denken Sie möglicherweise unbewusst vor Niederlagen schützen. Sie wollen sich nicht blamieren. Oder Sie trauen sich nicht, Ihre Wünsche klar auszusprechen und zu sagen, dass Sie sich lieber um andere Projekte kümmern wollen, anstatt sich auf eine Präsentation vorzubereiten. Am Können liegt es jedenfalls meistens nicht, denn jeder kann auf seine Art und Weise gut reden.

Müssen und Können

Auch in der Kommunikation mit einer Freundin klingt es vielleicht besser, wenn Sie sagen: „Ich will ja auf deine Party kommen, aber ich kann nicht.“ Nur stimmt das so nicht, denn Sie wollen nicht auf die Party gehen, weil Ihnen etwas anderes gerade wichtiger ist. Wenn Sie das ehrlich aussprechen, könnte Ihre Freundin es allerdings sehr persönlich nehmen. Daher greifen wir gerne zum Wort KÖNNEN – als eine Art Weichspüler. Ich kenne mich gut damit aus, denn früher habe ich ständig zu den Worten „müssen“ und „können“ gegriffen. Dadurch habe ich mich in der Opferrolle verkrochen und schön bemitleiden lassen. In Wahrheit geht es aber doch ums Wollen! Die persönliche Weiterentwicklung beginnt dann, wenn Sie dies klar aussprechen. Darüber hinaus wird Ihre Kommunikation um einiges klarer.

Deswegen: Ich wollte im letzten Monat keinen Newsletter schreiben, weil mir das Buch wichtiger war. Und ich wollte zu Ostern viel zu viel Schokolade essen, weil es mir gut geschmeckt hat.

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