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Mit vernebeltem Gehirn: Blackout auf der Bühne

Mit vernebeltem Gehirn: Blackout auf der Bühne

Ich stand gestern sprachlos auf der Bühne

Ein Blackout. Mitten im Vortrag. Als ich gestern Abend in der Mitte meines Vortrags anfing „erstens, zweitens und drittens“ aufzuzählen, da wusste ich schon, dass ich gar kein „drittens“ parat hatte. Normalerweise ist mein Gehirn dann ganz fix, sehr fit, unglaublich schnell. Es stellt Querverbindungen her und lässt mich jeden Satz sinnvoll beenden, auch wenn ich am Anfang noch nicht wusste, ob ich ein „drittens“ zur Hand habe.

Das ist meine Stärke. Diese Kreativität. Die vielen Ideen, die mir von meinem Gehirn zur Verfügung gestellt werden. Und die vielen lustigen Verknüpfungen, die es herstellt und das Publikum zum Lachen bringt. Ja. Das ist meine Stärke, wenn ich gesund bin. Gestern war ich krank.

Es gibt kein krank bei einem Redner

Im Vorfeld habe ich schon scherzhaft mit dem Veranstalter darüber gesprochen, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Ein Redner ist äußerst selten so krank, dass er nicht auf die Bühne gehen kann. Wenn ich als Rednerin arbeite, dann stehen die Veranstaltungen schon lange fest und Hunderte von Gästen warten auf den Vortrag. Die wollen keinen Ersatz hören. Auch ein Ersatztermin ist unvorstellbar. So etwas geht bei einem Seminar und bei einem Coaching, aber bei einem Vortrag auf einem Kongress oder einer Jahresauftaktveranstaltung? Da kommt der Redner. Auch krank. Und rettet die Veranstaltung.

40 Grad Fieber

Ich stand schon mal mit 40 Grad Fieber auf einer Bühne. Ein Vortrag dauert ja meistens nur eine Stunde. Danach kann ich mich dann sofort wieder hinlegen und ausruhen. Gestern war es nicht so schlimm. Da ich ungern Medizin nehme, weil sie mein Gehirn noch zusätzlich benebeln, habe ich es gestern auch nicht gemacht. Ich saß nach dem Technikcheck in der Veranstaltung und dachte: „Isabel, du bekommst immer einen Energieschub sobald du auf der Bühne stehst. Verlass dich darauf. Damit wirst du es schaffen.“

Das war auch so. Der Energieschub kam und ich ging auf die Bühne. Viele erwartungsvolle Gesichter schauten mich an. Doch leider reichte der Energieschub nur für 60 oder maximal 70 Prozent. Mein sonst so großartig funktionierendes Gehirn war vernebelt.

Nebel: Schenk mir einen Gedanken

Wie gut, dass ich meinen Vortrag so häufig geübt habe. Einige Bruchstücke tauchten im Nebel auf, ich konnte sie greifen und aussprechen. Doch dann war da immer wieder dieser dichte Nebel. Blackout. Für den Zuhörer nicht sichtbar. Aber für mich spürbar. Also erzählte ich etwas anders. Irgendetwas. Oh wie schön, dass keiner weiß … was ich wirklich sagen wollte.

Und dann kam der Moment wo ich mit „erstens, zweitens und drittens“ ansetzte und … der Nebel mir nichts mehr zu sehen gab. Blackout. Ich wusste, dass mir kein „drittens“ einfallen würde. Und nach ein paar Sekunden war dann sogar „erstens und zweitens“ weg und ich wusste überhaupt nicht mehr, worüber ich geredet habe und was ich noch erzählen wollte. Und im Kopf: Nur Nebelschwaden.

Wie können Sie mit einem Blackout umgehen?

Nun ist die Frage, wie Sie damit umgehen können. Ich mache es so:

  • Situation ansprechen
  • Tipps zum Thema Blackout ansprechen und somit kurz das Thema wechseln
  • Falls vorhanden: in Ruhe auf meinen Notizzettel schauen
  • Publikum fragen
  • Mutig komplett das Thema wechseln und weiter machen

Genauso lief es ab. Ich kam nach „drittens“ nicht mehr weiter. Ich schaute ins Publikum und sagte: „Na, super. Jetzt habe ich gerade ein Blackout.“ Dann erklärte ich, was normalerweise gegen ein Blackout hilft. Und zwar das Gehen. Also ging ich. Nichts. Nebel. Wieder sprach ich die Situation an und meinte: „Gut, das hilft meistens, aber nicht immer.“ Das war ein Lacher. Gut. Wenigstens habe ich sie kurz unterhalten.

Dann bin ich zu meinem Notizzettel. Weil ich für diesen Kunden einen speziell ausgearbeiteten Vortrag hatte, lag tatsächlich mal ein Zettel mit Stichworten auf dem Rednerpult am Rande der Bühne. Normalerweise nehme ich selten etwas mit auf die Bühne. In diesem Fall war dies Gott sei Dank anders. Ich schaute drauf. Nebel. Mein Gehirn konnte mir nicht mehr sagen, was ich gerade erzählt habe.

Wieder sprach ich aus, dass ich gerade keinen blassen Schimmer habe, worüber ich eben noch geredet habe. Da half mir das Publikum und rief mir einen Begriff zu. Danke. Das half. Ich wusste jetzt zumindest, was ich als nächstes erzählen würde. Also wagte ich mutig den Schritt, mich von dem unvollständigen  Thema zu verabschieden. Und ihn einfach als Cliffhanger weiterhin im Raum schweben zu lassen. Auf Krampf das Ende der verlorenen Geschichte zu finden, wäre für mich und das Publikum eine Quälerei gewesen und hätte viel Zeit gekostet.

Neues Thema, neues Glück

Ich sprang also zu einem anderen Thema, das ich noch erzählen wollte, und fing dort neu an. Der Nebel blieb. Aber ich schaffte es, bis zum Schluss einiges von dem zu erzählen, was ich geplant hatte. Und dann habe ich noch einiges erzählt, was nicht geplant war. Doch: keine Panik. Da ich keine Power-Point hatte, wusste niemand, was ich sagen wollte.

Auf der Bühne kam in meinem Vortrag eh vor, dass wir nur 70 Prozent von uns verlangen sollen und jede Panne zu den 30 Prozent gehört. Dieses Blackout landete definitiv bei den 30 Prozent.

Und wie waren die Reaktionen auf mein Blackout?

Das ist ja immer wieder das, was mich am meisten verwundert. Vom Kopf her weiß ich es und ich bringe es auch anderen bei … und dennoch. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich es selbst live erlebe. Und was?

  • Die Zuhörer lieben meinen Blackout

Direkt nach dem Vortrag kam der Veranstalter auf mich zu und grinste: „Toll mit dem Blackout. Das beruhigt mich immer so, wenn es auch Profis passiert.“ Ich hauchte mit rauher Stimme ein „Es tut mir leid“ raus, aber er meinte: „Nein. Das war mit das Beste am Vortrag.“

Ein Blackout baut Nähe auf

Genau darum geht es. Wenn mir auf der Bühne Pannen passieren und ich damit entspannt umgehe, dann fühlt sich das Publikum nicht unangenehm berührt. Ganz im Gegenteil. Es darf live miterleben, wie ich scheitere. Wie ich wieder aufstehe. Und wie ich weiter mache. Sie sehen, dass es insgesamt trotzdem ein guter Vortrag ist. Trotz der Panne. Vielleicht kein brillanter Vortrag, aber ein guter. Das zeigt den Zuhörern, dass es nicht schlimm ist, mal ein Blackout zu haben oder eine sonstige Panne.

Niemand zweifelte deswegen an meinem Expertenstatus. Gut. Eine Dame fand mich zu nervig. Zu quirlig und zu aufgedreht und übertrieben. Das hatte aber nichts mit dem Nebel und der Panne zu tun. Denn so bin ich immer. Und natürlich polarisiere ich mit meiner Art.

Fazit?

Weder der Nebel, noch das Blackout, noch mein nebulöses Improvisieren hat mir oder dem Vortrag geschadet. Hinterher haben mich viele Zuhörer bewegt angesprochen, wie toll sie meinen Vortrag fanden und der Veranstalter war wie gesagt begeistert. Somit ist alles gut. Trotz Nebel.

Aber heute … bleibe ich im Bett. Mit Fieber und kratziger Stimme. Auskurieren ist angesagt, damit ich den nächsten Vortrag wieder ohne Nebelschwaden halten darf.

 

 

 

 

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare
  1. Liebe Garcia, DANKE für diesen so schönen Blogartikel – ein Mutmacher! Es zeigt, wie es sich auszahlt mutig und authentisch zu sein. So ein Blackout konfrontiert uns mit unserer eigenen Verletzlichkeit. Wenn wir mutig dazu stehen, werden wir belohnt.

  2. liebe Isabel. danke für die Offenheit. seh dass du Brene Browns Aufruf, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen, brav befolgst. und ja. Es ist wohl so, dass du als Profi bei nahezu jeglichen körperlichen Herausforderungen trotzdem brillieren solltest und doch … würde ich diese Form der Professionalität hinterfragen.
    Wie wirst du künftig in vergleichbaren Situationen vorgehen? Du kannst ja bspw zu Beginn mit Augenzwinkern darauf hinweisen, dass du nur wegen der Drogen (ie Adrenalin…) hier stehst und es gut sein könnte… dass…
    Dir jedenfalls alles liebe.
    Hab die letzten beiden Tage ja virtuell mit dir im Gespräch verbracht, da ich unsern Talk geschnitten und schön nachbearbeitet hab….
    bis in Bälde Andreas
    PS vielleicht verhilft ja das wärmer werdende Wetter deinem Immunsystem wieder zu 100% empor zu steigen.

    1. Lieber Andreas,

      ich verstehe deine Aussagen nicht. Was meinst du mit „würde ich diese Form der Professionalität hinterfragen“. Meinst du damit, dass ich gar nicht erst auftreten und lieber einen Ersatz schicken sollte? Oder was möchtest du damit ausdrücken?

      Und zu deiner Frage, wie ich es künftig handhaben werde: Ich gehe nicht davon aus, dass mir dies in der Form noch einmal passiert. Das war nämlich auch das erste Mal in meinem Leben. Erstens bin ich super selten krank. Zweitens funktioniert mein Kopf dann trotzdem und ich habe nicht nur Nebel im Gehirn. Drittens würde ich aber trotzdem auf Nummer sicher gehen und in so einem besonderen Fall dann den Vortrag auswendig lernen, damit mir nichts passieren kann. Ich bin am „frei sprechen“ gescheitert, weil mein Kopf dazu nicht in der Lage war. Hätte ich es auswendig gelernt, hätte alles geklappt. Das Auswendiglernen mache ich sonst nie. Ich würde allerdings in so einem Fall nun eine Ausnahme machen. Und dadurch würde ich auf gar nichts hinweisen, weil das Publikum dies nicht mitbekommen wird.

      1. Liebe Isabel.
        Hm Du hast mich genau erwischt. Da ich mit mir gestern Nacht) im Widerstreit war. auf der einen Seite die Forderung danach, 100% gesund zu sein um auch die Leistung zu erbringen, die der Kunde verdient. Aber dann war und ist die bei mir lautere Stimme, Zusagen einzuhalten und den Auftritt unbedingt durch zuziehen… Wenn es bei dir eh super selten ist, fein. Kenn aber einige, die eben eben diesem „IchMUSSjaLEISTEN“ Programm folgen und dabei ihrem Körper nie wirklich auskurieren lassen/können. Oft über Monate oder gar Jahre hinweg immer so auf Halbgas laufen (bzw über Koffein oder Medikamente sich pushen…) bis dann irgend wann vielleicht ein Zusammenbruch folgt … auch wenn nicht,so wird er nie sein volles Potenzial geben KÖNNEN, weil eben die Energie fehlt. In diesem Sinne vielleicht auch als Warnung an mich selbst… alles Liebe Andreas

        1. Lieber Andreas,

          jetzt verstehe ich, was du meinst. Ich finde auch, dass wir uns Auszeiten gönnen sollten, wenn wir krank sind. Definitiv. Das mache ich auch. Ich sage dann Seminare ab bzw. verschiebe sie. Ich verschiebe Interviews, Coachings, wichtige Kundentermine …

          Doch was ich NICHT absage, sind Vorträge. Dies ist eine Sondersituation. Erstens weil es sehr schwer ist, einen guten Ersatz zu finden in so kurzer Zeit. Und zweitens weil wir hier nur von ein paar Stunden reden. Bei einem Vortrag muss ich ja nicht einen ganzen Tag lang auf den Beinen sein.

          Lieben Gruß
          Isabel

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