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Ehrlich gesagt, lüge ich Sie an

Ehrlich gesagt, lüge ich Sie an

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Nein. Ich lüge Sie nicht an. Und dennoch könnte ich diesen Eindruck vermitteln. Warum? Weil mir ein lieber Mensch gerade vor Augen führte, dass ich ständig „ehrlich gesagt“ verwende. Zum Beispiel „Ehrlich gesagt, mag ich solche Fantasiefilme nicht“, „Das fand ich völlig übertrieben, ehrlich gesagt“ oder auch „Ehrlich gesagt, war mir der Vortrag etwas zu lang“. Was soll das meinen Zuhörern sagen? Dass ich sonst nur Lügen von mir gebe?

Lügen soweit das Ohr reicht

Da schreibe ich mir auf die Fahne eine ehrliche Haut zu sein und dann so etwas. Warum sage ich das? Wenn ich extra betonen muss, dass ich diesen Satz nun wirklich ehrlich meine, was sagt dies über meine sonstigen Aussagen? Als mich Tom darauf hinwies, habe ich noch heftig den Kopf geschüttelt und war mir sicher, dass dies nur ein Versehen war. Eine Ausnahme. Eine Seltenheit. Definitiv keine verbale Baustelle meinerseits.

Doch seitdem weist er mich jedes Mal daraufhin, wenn mir ein „ehrlich gesagt“ aus dem Mund purzelt. Wir haben ausgemacht, dass ich ihm einen Euro zahle für jedes „ehrlich gesagt“. Innerhalb weniger Stunden war ich schon bei 18,50 Euro. Die 50 Cent kamen zustande, weil ich einmal nach „ehrlich“ erschrocken die Hand vor den Mund gehalten habe.

Wie kann das sein?

Gute Frage, nächste Frage. Ich bin tatsächlich etwas überfragt, wie ich mir so einen Blödsinn angewöhnen konnte. Vielleicht weil ich so oft Ironie verwende und meine ernsthaften Sätze abgrenzen möchte. Was allerdings auch keinen Sinn ergibt, denn ich sage nach den ironischen Sätzen ja meistens: „Scherz“. Dann brauche ich bei den ernsthaften Sätzen nicht auch noch „ehrlich gesagt“ hinzufügen. Das ist doppelt gemoppelt, wie der weiße Schimmel.

Wobei ich es im Moment spannender finde, wie ich das wieder los werden kann. Es ist nicht günstig, sich darauf zu konzentrieren, denn was wir im Kopf haben, sprechen wir auch gerne mal aus. Wenn Sie sich also ein „Äh“ abgewöhnen möchten, dann ist es ungünstig „Ich will kein ÄH mehr sagen“ im Kopf herum spuken zu lassen. Es wäre schlauer, sich zum Beispiel darauf zu konzentrieren, kürzere Sätze oder auf Punkt zu sprechen.

Woran könnte ich jetzt denken?

Wie kann ich mich nun von dem „ehrlich gesagt“ ablenken? Ich könnte zum Beispiel meine Sätze erst aussprechen, wenn ich gedanklich ein Gleichheitszeichen davor packen kann. Sie also zu Ende gedacht habe. Sehr schlau bei wichtigen beruflichen Gesprächen. Privat plappere ich allerdings lieber drauf los.

Bisher fällt es mir meistens erst auf, wenn Tom „18,50 Euro“ sagt. Manchmal merke ich es schon selbst kurz danach und ganz selten sogar schon während ich es ausspreche. Es wird also die Zeit kommen, in der ich schon vor dem „e“ von „ehrlich gesagt“ eine innerliche Verbalbremse ziehen kann.

Es ist ein Prozess. Und ich werde garantiert gewinnen. Irgendwann. Die Frage ist, wie viel ich bis dahin blechen darf. Haben Sie auch ein Lieblingswort oder -satz mit dem Sie gerade kämpfen? Immer her damit. Ich kann Aufmunterung durch Gleichgesinnte gebrauchen.

 

 

 

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare
  1. Das liegt am schnellen Denksystem und wird gesagt, weil es einen tieferen, inneren Konflikt gibt. „Um Dir zu gefallen, würde ich gerne etwas anderes sagen, aber ich will Dich nicht anlügen.“ = „Ehrlich gesagt…“
    Wie wärs mit Negation, was in Deinem Fall Positivität bedeutet? „Wäre der Vortrag kürzer gewesen, hätte er mir besser gefallen.“ Oder „Am liebsten mag ich Actionthrilller.“ 🙂

  2. Ich hab das Gefühl, bei uns in der Firma kursiert das Wort „genau“. Ob bei Vorträgen oder im Gespräch zwischendurch, überall wird zu Anfang oder Ende des Satzes – oder zu Anfang und Ende des Satzes ein „genau“ eingeschoben. Auch ich selbst habe mich bei dem folgenden Dialog mit einer Kollegin erwischt:
    -„Genau, das würde ich auch so machen.“
    -„Genau, das mache ich dann so.“
    -„Genau.“
    -„Genau.“
    Und dachte ‚WOW! Das muss aufhören.“

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