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Kritik nach einem Vortrag – nicht schön, aber wichtig

Kritik nach einem Vortrag – nicht schön, aber wichtig

Nach meinem Vortrag sprach mich eine Dame an

Ich wurde schon vorgewarnt. Ein Herr unterhielt sich in der Pause mit mir. Er bedankte sich für den Vortrag und dass er ihn sehr gut fand. Hach … das freute mich sehr. Doch er erzählte auch sofort, dass seine Sitznachbarin nicht so begeistert gewesen wäre. Sie kam dann auch promt auf uns zu und erzählte mir Ihre Kritik.

Sie hatte sich so auf meinen Vortrag gefreut, aber dann kam etwas anderes als sie erwartet hatte. Ihre Idee war gut und in der Tat kann ich diesen Aspekt wunderbar für meinen nächsten Vortrag mit aufgreifen. Ich halte nämlich in diesem Jahr noch zwei Vorträge für die Stadtwerke, genau zum selben Thema. Wie schön, dass sie mir dabei geholfen hat, meinen Vortrag zu verbessern.

Was? So abgeklärt?

Natürlich nicht. Ich habe gelächelt, weil ich wusste, wie wichtig diese Kritik ist. Und weil ich es ehrlich geschätzt habe. Sie hat es auch hauptsächlich wertschätzend aus- und angesprochen. Doch selbstverständlich tat es weh. Es machte mir viel mehr Freude bei dem Herrn zu lächeln, der mir gesagt hat, wie toll er meinen Vortrag fand. Trotzdem ist die Lerneinheit natürlich größer bei der Kritik. Sie lehrt mich regelmäßig Demut.

Ich bin kein Roboter, der jederzeit perfekte Arbeit abliefert und jeden einzelnen Zuhörer erreicht. Ich bin im Lernprozess. Wie jeder andere Mensch auch. Das hört im Alter nicht auf. Es wird vielleicht weniger, aber es hört nicht auf. Das beste Rezept gegen innerliches Altern: stets neugierig bleiben. Auch in Bezug auf das eigene Können.

Ene, mene, meck und du bist weg

Ich habe eine Bekannte, die als Radiomoderatorin arbeitet. Und nebenbei schreibt sie noch für eine Zeitschrift wunderschöne Kurzgeschichten, die auch online veröffentlicht werden. Sie hat mir letztens erzählt, dass ein Radiomitarbeiter eine negative Rückmeldung eines Hörers weiter geleitet hätte. Sie war völlig erbost, weil sie dies unnötige herunter ziehen würde. Danach hat sie ausdrücklich den Wunsch geäußert, dass nur noch positive Leserbriefe an sie weiter geleitet werden.

Auch bei ihren Kurzgeschichten liest sie sich die Kommentare nicht durch. Sie hat es früher mal gemacht und nach den ersten beiden negativen damit aufgehört. Doch selbst wenn sie sich wie ein kleines Kind mit den Händen die Augen zuhält, so ist die Kritik immer noch da.

Kostenloses Coaching

So schmerzhaft es auch ist. Und vielleicht gerade WEIL es schmerzhaft ist. Hier handelt es sich um eine kostenlose Lerneinheit. Ein Coaching. Es geht nicht darum, dass wir negative Kritik komplett ausblenden und so tun, als ob sie nicht existieren würde, sondern vielmehr darum, entspannter damit umzugehen. Bodo Schäfer hat in einem seiner Hörbücher mal erzählt, dass es nicht schlimm sei ins Wasser zu fallen. Er meint, dass wir nur ertrinken, wenn wir zu lange im Wasser drin bleiben.

Fühlen Sie sich traurig, verletzt, wütend. Leben Sie es aus. Aber bleiben Sie nicht zu lange in diesen negativen Gefühlen. Sonst ertrinken Sie.

Sinnlose Kritik

Warum habe ich am Anfang geschrieben, dass die Dame „hauptsächlich“ wertschätzende Kritik ausgeplaudert hätte? Weil sie auch etwas geäußert hat, was ich als völlig sinnlose, verletzende Kritik einstufe. Sie meinte nämlich mir erzählen zu müssen, dass ihr aufgefallen wäre, dass ganz viele andere Hörer den Vortrag auch nicht gut fanden. Das ist eine Art Rechtfertigung zu der immer mal wieder gerne gegriffen wird: Nicht nur ich fand es doof, sondern die anderen fanden sogar noch doofer. Ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine da.

So extrem hat es die Dame nicht geäußert. Es war trotzdem unnötig. Denn ich hätte Ihre Meinung auch ernst genommen, wenn Sie mir nur davon erzählt hätte. Eben IHRE Meinung. Sprechen Sie für sich. Und nur für sich.

Warum ist diese Form der Kritik sinnlos?

Kommunikation ist schon herausfordernd genug. Für die eigenen Gefühle die richtigen Worte finden. Die Mimik und Körpersprache von anderen korrekt zu deuten und in passende Worte zu kleiden, ist selbst für Experten eine Herausforderung. Und somit fast unmöglich. Abgesehen davon ist es ein Totschlagkriterium. Ich kann als Kritisierte ja nichts dazu sagen, weil diese anonymen Personen nicht vor mir stehen. Ich kann die Kritik daher weder greifen, noch verstehen. Und mit dem Verstehen geht das Lernen einher.

Mir wird es verwehrt Verständnisfragen zu stellen. Es wird eine anonyme Masse als Rückendeckung heran gezogen, die es vielleicht gar nicht gibt. Und selbst wenn es sie gibt und mich tatsächlich jeder im Saal grauenvoll fand, dann ist es trotzdem wichtig, bei der eigenen Meinung zu bleiben. Den eigenen Gedanken. Dann kann nämlich ein Gespräch entstehen, dadurch funktioniert das Verstehen, das Lernen, die Verbesserung.

Kritisieren Sie nicht sofort

Was ich von einer lieben Kollegin gelernt habe: Nicht sofort kritisieren. Es tut mir gut, wenn ich über meine Worte noch einmal nachdenken und meine Eindrücke sortieren kann. Auch ich bin häufig viel zu schnell. Vor einigen Jahren bin ich nach einem Vortrag auf Personen zugegangen und habe gefragt: „Möchten Sie ein Feedback von mir haben?“ Nach dem zustimmenden Nicken, habe ich dann sofort losgelegt. Doch wer sagt in so einem Fall schon Nein? Wer traut sich das?

Ich gebe dem anderen viel mehr Raum, wenn ich sage: „Ich würde Ihnen gerne Feedback geben. Hier ist meine Visitenkarte. Schreiben Sie mir, wenn Sie das hören möchten.“ Ich mache es dem anderen dadurch leichter, sich für ein Nein zu entscheiden, ohne es auszusprechen. Wenn keine E-Mail kommt ist dies Antwort genug.

Mit Begeisterung weiterentwickeln

Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther betont immer wieder, dass wir dann am besten lernen, wenn wir mit Begeisterung dabei sind. Dass wir bei Kritik keine Purzelbäume schlagen, haben wir geklärt. Und dennoch macht es einen großen Unterschied, ob ich offen bin für Kritik oder sie mir nur notgedrungen anhöre. Falls mir eine E-Mail geschrieben wird, fällt mein Feedback auf fruchtbaren Boden.

Auch dies hat die Dame heute nicht bedacht. Sie kam auf mich zu und erhöhte ihren Status sofort mit den Worten: „Ich moderiere ja auch und halte Vorträge.“ Und schloss dann sofort von sich auf mich, indem sie fortfuhr: „Mir ist ein konstruktives Feedback immer sehr wichtig, deswegen möchte ich es jetzt auch Ihnen geben.“

Sitze lächelnd im Zug

Wie kann es nun sein, dass ich hier lächelnd im Zug sitze? Nicht nur, weil es nach Hause geht, sondern weil ich aus dem Wasser schon wieder draußen bin. Und weil ich einen guten Vortrag gehalten habe. Ich habe die begeisterten Gesichter von der Bühne aus gesehen. Und hinterher haben mich so viele Herren angesprochen, dass Sie meinen Vortrag ganz toll fanden. Wenn dem nicht so gewesen wäre, dann hätten sie mir nur wortlos zugenickt und das Gespräch gemieden, anstatt mich aktiv anzusprechen.

Fazit: Kritik äußern ist super. Die Art und Weise darf manchmal verbessert werden.

 

 

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