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Jens Spahn und die Liposuktion

Jens Spahn und die Liposuktion

Ich bin total geplättet. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt sich für uns und unsere Krankheit ein. Das ist super! Ich bin hier durch die Wohnung gehüpft … soweit ich mit meinen Beinen hüpfen kann. Eine junge, tolle Frau hat sich dafür stark gemacht: Hendrikje ter Balk. Auf Instagram heißt sie rikjemeter.

Der Stein wird ins Rollen gebracht

Ich bin beeindruckt von der Energie dieser jungen Frau, die so viele andere dazu bewegen kann, Fotos von sich ins Internet zu stellen und mit den Hashtags #füreinebedarfsgerechteversorgung und #jedezehntefrau und #jensspahn immer wieder auf den Missstand aufmerksam zu machen.

Und trotzdem bin ich hochgradig genervt. Warum? Nicht wegen Hendrikje, die einen super tollen Job macht. Auf freiwilliger Basis. Sie hat nichts weiter davon. Da sie schon operiert wurde, kämpft sie den Kampf für andere und das bewundere ich sehr.

Weniger Drama, mehr Aufklärung

Was mich allerdings nervt ist, dass im Internet immer wieder „Fakten“ erzählt werden, die keine sind. Da gibt es öffentliche Briefe an Jens Spahn, die ihn aufklären sollen, ohne es zu tun. Denn dort steht, dass die spezielle Lipödem – Liposuktion:

  • die einzige Heilungsmethode ist
  • und die Frauen nach den 3-4 Operationen geheilt sind.

Bei den Recherchen zu meinem Buch kamen ganz andere Ergebnisse heraus. Ich erfuhr von Dr. Deling, dass wir im Ausland schon belächelt werden, weil hier die Frauen leer gesaugt werden. Und dass mit unhaltbaren Versprechen gearbeitet wird. Dr. Damstra aus den Niederlanden meinte auch, dass eine Lipödembetroffene nach einer Liposuktion NICHT geheilt sei. Man kann die Krankheit um 5 bis 20 Jahre zurück drehen.

Bin ich gegen die Liposuktion?

Nein! Ich bin dafür. Und ich finde es unfassbar, dass diese Operationen immer noch nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Ich kann nicht verstehen, warum Frauen mit starken Schmerzen nicht geholfen wird.

Ist dies ein Widerspruch? Nein. Ich bin dafür und gleichzeitig für eine faire Aufklärung. Wenn jemand einen Kredit für die 3-4 Operationen aufnimmt, dann sollte diese Lipödembetroffene wissen, dass sie dies circa alle 10 bis 20 Jahre wiederholen muss für eine dauerhafte Schmerzfreiheit.

Was verschwiegen wird von den Chirurgen

Mittlerweile haben einige Chirurgen, die das Lipödem scheinbar wegoperieren, Influencer, die im Netz dann die Aussagen dieses Chirurgen verbreiten. Scheinbar machen viele von diesen Chirurgen auch einen sehr guten Job, doch die Aufklärung fehlt trotzdem. Es wird nicht gesagt, dass die Krankheit immer noch da ist und „nur“ die Auswirkungen der Krankheit zurück geschraubt wurden.

Die Schmerzen sind bei sehr vielen Frauen hinterher weg. Das ist super. Und genau deswegen sollte die Krankenkasse es auch bezahlen. Selbst wenn die Schmerzfreiheit zum Beispiel nur fünf Jahre anhält, so sind es fünf Jahre ohne Schmerzen. Das ist viel wert.

Schade ich mit meiner Aufklärung?

Ich fürchte, dass viele denken, dass die Krankenkassen die Liposuktion erst recht nicht bezahlen, wenn sie hören, dass die Krankheit davon nicht weggeht. Doch es wäre albern, wenn die Krankenkassen so reagieren würden. Denn sie operieren auch Menschen mit Hüftproblemen, damit sie weniger Schmerzen haben. Auch dort würde Sport und Ernährung bis zu einem gewissen Grad helfen. Doch selbst wenn jemand nichts von alledem tut, wird die Operation bezahlt.

Und eine künstliche Hüfte (oder zumindest einige Ersatzteile) wird circa alle 15 Jahre erneuert. Das bedeutet, dass die Betroffenen alle 15 Jahre eine Operation haben, die von den Krankenkassen übernommen wird. Beim Lipödem wäre es das gleiche.

Ernährung und Sport

Um die Dramatik in den öffentlichen Briefen an Jens Spahn noch zu erhöhen, wird immer wieder gepredigt, dass das Lipödem fortschreitend sei und dass es ernährungs- und sportresistent sei. Es stimmt, dass ich das Lipödem nicht wegbekomme, aber ich kann häufig die Schmerzen reduzieren und auch an Armen und Beinen abnehmen. Es geht. Im Internet gibt es zahlreiche Beweise von Frauen, die nicht operiert sind.

Manche konnten den Umfang deutlich reduzieren und manche konnten die Schmerzen loswerden. Beides zusammen kommt selten vor, aber auch das gibt es. Wir helfen uns also nicht, wenn wir immer wieder sagen, dass Ernährung und Sport nichts bringen würde. Und die Aussage „Dann hat die bestimmt nie ein Lipödem gehabt“ ist fies, daher lasse ich dies nicht gelten. In Einzelfällen kann es so sein, aber wir können nicht jeden mit dieser Aussage abstrafen, nur weil sie für sich einen Weg gefunden haben.

Stelle ich der Kassenübernahme damit ein Bein?

Und wieder werden sich einige denken: „Oh nein. Lass das bloß nicht die Krankenkassen lesen, denn dann übernehmen die erst recht keine Liposuktion.“ Dass Ernährung und Sport etwas bringt, ist doch kein Grund die Liposuktion abzulehnen. Denn Ernährung und Sport hilft auch bei Adipositas, bei Diabetes, ach … bei ganz, ganz, ganz vielen anderen Krankheiten. Und trotzdem übernimmt die Krankenkasse nötige Operationen wie zum Beispiel ein Magenband.

Auch bei seelischen Schmerzen knicken die Krankenkassen manchmal ein und bezahlen zum Beispiel eine Brustverkleinerung. Sie zahlen auch in einigen Fällen Hautstraffungen. Aber bei körperlichen UND seelischen Schmerzen, die wir beim Lipödem haben, wollen sie nicht die Kosten übernehmen? Wie absurd.

Wir werden allein gelassen

Wir haben ein Anrecht darauf, dass die Liposuktion bezahlt wird. Auch wenn die Operationen uns nicht für immer und ewig von der Krankheit heilen, auch wenn einige Betroffene mit Ernährung und Sport viel erreicht haben, auch wenn klar ist, dass diese Krankheit nicht fortschreitend ist.

Auch das mit der zwangsläufigen Fortschreitung wird als „Fakt“ gesagt. Dabei steht in den meisten Richtlinien (Deutschland, Niederlande, England) drin, dass die Krankheit bei Gewichtszunahme fortschreitet. Es gibt so viele Lipödem-Frauen, die seit ewigen Zeiten schlanke Lipödem-Beine haben. Die haben auch Schmerzen. Das will ich nicht klein reden. Doch die Krankheit schreitet eben nicht fort. Sind sie die Ausnahme? Nein, diese abschreckenden Bilder mit sehr schlimmen Auswucherungen sind die Ausnahme.

Folgeerkrankungen

Auch auf die Folgeerkrankungen wird hingewiesen. Auf die Depressionen, Fehlstellungen und so weiter. Das ist – laut seriöser Ärzte – Quatsch. Ich habe keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gefunden und gehe in meinem Buch auch ausführlich darauf ein.

Jeder geht mit einer Krankheit anders um. Manche werden depressiv aufgrund des Lipödem und mache lieben sich nur noch mehr, aufgrund des Lipödems. Ich lese im Internet, dass es kein Wunder ist, dass man depressiv wäre, weil man ja ein Lipödem habe. Und ich lese, dass es kein Wunder sei, dass man sich mit der Selbstliebe so auseinander gesetzt habe, weil man eben ein Lipödem hätte.

Doch selbst schuld?

Und wenn ich so etwas schreibe, kommt häufig die trotzige Reaktion: „Ach, nun bin ich also doch selbst schuld?“ Erstens spreche ich nicht von Schuld. Und ich rede weder die Krankheit, noch die Schmerzen klein. Und ich behaupte auch nicht, dass jeder die Krankheit ohne Liposuktion loswerden kann.

D. O. von einer Selbsthilfegruppe schreibt offen darüber, dass sie nach der letzten Operation so starke Schmerzen hat, dass sie sich die Lipödem-Schmerzen zurück wünscht. Es gibt Risiken. So eine Liposuktion ist kein Spaziergang, vor allem, wenn die Frauen leer gesaugt werden und damit auch viel gutes und wichtiges Fett entnommen wird. Und vor allem, wenn zu schnell zu viele Operationen hintereinander erfolgen. Zu einer bis maximal zwei Operationen im Jahr wird geraten.

Wegen des Lipödems gestorben

In einem offenen Brief an Jens Spahn wird erwähnt, dass eine Frau gerade letztens an einem Lipödem gestorben sei. Ich kenne die Dame und den Verlauf ihrer Erkrankung nicht. Möchte auch auf diesem Wege mein herzliches Beileid für die Angehörigen aussprechen. Die Frage ist trotzdem, starb sie am Lipödem? Wie das denn? Das Lipödem ist nicht tödlich.

Wahrscheinlich starb sie – leider – an einer anderen Krankheit, die gerne als „Folgeerkrankung“ vom Lipödem bezeichnet wird. Ich finde es sehr, sehr traurig und auch dies will ich natürlich nicht klein reden. Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass auch über die Frau geredet wird, die an einer leichten Grippe gestorben ist, weil sie vorher von den vielen Liposuktionen, wo viel zu viel abgesaugt wurde, geschwächt war. Alles hat seine Risiken: das Lipödem und die sogenannten „Folgeerkrankungen“ unbehandelt zu lassen und auch die Liposuktionen.

Fazit:

Ich bin DAFÜR!!!!!!!, dass die spezielle Liposuktion bei einem Lipödem eine Kassenleistung wird. Absolut.

Und ich bin genauso dafür, dass diese verantwortungsvoll durchgeführt wird und die betroffenen Frauen ausreichend aufgeklärt werden.

Mit Halbwahrheiten tun wir uns keinen Gefallen. Weder unserer eigenen Psyche, noch anderen Betroffenen, noch bei den Gesprächen mit Jens Spahn und den Krankenkassen.

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